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Kostenlos, aber nicht umsonst.

Sehr geehrter Hr. Bürgermeister

Sehr geehrter Hr. Bürgermeister, geachteter Vizebürgermeister, bewährte Stadträte

Bozen ist, dank einer effizienten, tatkräftigen und entscheidungsfreudigen Gemeindeverwaltung, vorausschauender Stadtpolitik und der tatkräftigen Unterstützung des Landes zu einem Hort der Kultur geworden.

Zahlreiche Veranstaltungen und Einrichtungen zeugen von der Metamorphose der Stadt von einer Hochburg der Schwerindustrie zu einer von allen Mitbürgen mit Begeisterung getragenen zukünftigen Kulturmetropole.

Jedenfalls steht es so oder ähnlich im weitreichenden und visionären Entwicklungsplan der Gemeindeverwaltung. Es gibt sogar 25 Leitgedanken, in denen in klarer Sprache ausformuliert wurde, was Bozen ist oder noch werden will. Unter Punkt 11 steht :

Bozen, die Kulturstadt

Europäische Kulturhauptstadt
Stadt der Musik und des Tanzes
Marketing und internationale Positionierung

(Wer übrigens ein Faible für Träume und Märchen hat, möge sich auch die restlichen 24 Punkte durchlesen: http://www.gemeinde.bozen.it/context.jsp?hostmatch=true&ID_LINK=1821&area=154)

Bozen glänzt vor allem mit seinen Museen, dem weltberühmten Archäologiemuseum mit dem bekanntesten toten Südtiroler, dem Messner Mountain Museum mit dem bekanntesten lebenden Südtiroler, dem Museum für moderne Kunst mit der bei jungen Südtirolern beliebten Bar im Erdgeschoß, dem Naturkundemuseum mit der besten Kükenshow südlich der Alpen und sogar einem Schulmuseum mit, ja, womit eigentlich?

Was fehlt hier noch zum Glück? Richtig, das was jede andere Stadt auch hat, ein Stadtmuseum! Ein Ort zur Darstellung lokaler Geschichte, eine Sammlung wertvoller Objekte zur Veranschaulichung vergangener und aktueller Stadtentwicklung, ein Tempel der Bildung für Jung und Alt. Damit was uns geprägt hat nicht verloren gehen möge und weit in die Zukunft hinein für Volksschüler eine willkommene Abwechslung vom Schulalltag ermöglicht.

Aber war da nicht was? Wurde nicht bereits 1905 ein Stadtmuseum eröffnet? Zuerst mit Turm, dann ohne und seit 1994 wieder mit. Ausgestattet und angefüllt mit zahlreichen Exponaten von der Bronzezeit bis ins 19 Jhd. Sogar mit einer feinen Sammlung an alten Stuben aus Bauernhöfen und der passenden Ausstellung von Volkstrachten aus unterschiedlichen Zeiten!

Und jetzt?

Seit 2003 geschlossen wegen Umbau. Und wie auf der Homepage der Gemeindeverwaltung nachzulesen ist:  „Die tiefgreifende Umgestaltung soll 2005 – 100 Jahre nach der Eröffnung des Museums im Jahre 1905 – weitgehend abgeschlossen sein; sie wurde notwendig durch die neuen, auch kulturellen Herausforderungen, denen sich das Museum als Spiegel der sich wandelnden Gesellschaft zu stellen hat.“

Und seitdem?

Aus einer Pressemitteilung der Stadt Bozen vom 31.08.2009: „Das angepasste Projekt wird für die Stadt weniger kostenintensiv sein; es können zwischen 5 und 6 Millionen Euro eingespart werden. Im Lauf von drei bis vier Jahren könnten die Arbeiten abgeschlossen werden, haben die Stadträte versichert.“

Klingt doch gut, bis 2014 könnte, vielleicht, möglicherweise, eventuell, wer weiß, Bozen sein Stadtmuseum wiederhaben.  Projektzeiten von 12 Jahren oder länger sind in Italien bekanntlich nicht ungewöhnlich und gut Ding braucht eben Weile. Bozen ist sowieso voll mit Museen, was macht da eines mehr oder weniger.

Man kann sich durchaus noch zusätzlich Zeit lassen, Bozen als Kulturhauptstadt im Rahmen einer (erfolgreichen?) Bewerbung von Venedig und des gesamten Triveneto steht ohnehin erst 2019 an.

Also dann, Hr. Bürgermeister, geachteter Vizebürgermeister, bewährte Stadträte, wir sehen uns zur Eröffnungsfeier 2019, bitte vergessen Sie nicht die Einladung zu schicken.

Mit besten Grüßen

Ich bin im Web, also bin ich.

Frankreich in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Der gesellschaftspolitische Spielraum wird enger und Herr Descartes zieht nach Holland. In seinen halbwachen Träumen findet der Philosoph zu absolut klaren Gedanken. Diese Gedanken machen ihn berühmt. Rene Descartes hinterließ der Welt sein berühmtes Dictum: Ich denke, also bin ich.
500 Jahre später wird das Netz zum ich. Wer nicht im Netz ist, existiert nicht. Wir googlen nach Personen, Unternehmen, Freunden, Bildern, Fahrplänen, Wechselkursen, Reiseangeboten, Landkarten, Emotionen, Informationen. Wir googlen alles und geben dem Netz dabei eine existenzielle Note. Kürzlich hat mir ein Freund über den tragischen Tod eines Bekannten berichtet. Obwohl gestorben, ist er noch auf Facebook. Das Netz kann auch makaber sein.
Wer präsent sein will, heute und morgen da sein, der ist im Netz oder will ins Netz. Doch das Wollen und Können muss auch machbar sein. Internetpionier Kevin Kelly hat vorausgedacht: theoretisch und technisch kann jeder ins Netz. Ökonomisch auch. Der virtuelle Raum ist unendlich, aber die Aufmerksamkeit ist endlich. Es ist jedoch die Aufmerksamkeit, die zählt, damit das Dictum aufgeht: Ich bin im Web, also bin ich. Oder hat sich Descartes geirrt?

Fingerübungen

Wir haben noch keins, aber freundlicherweise hat uns IT-Systems eins geliehen. Das begehrte iPad. Brauch der Mensch ein iPad oder nicht?
Derzeit eine viel diskutierte Frage. Mir hat es Spass gemacht. Das iPad hat zwei Vorteile. Digitale Mitbürger haben alles immer dabei und können Medien intensiv nutzen, ob als Kochbuchnachkocher oder Leser von internationalen Magazinen. Man muss dies aber auch wollen. Nicht-Digitale Mitbürger können sich mittels iPad über einen einfachen Zugang zur digitalen Welt freuen. Ein ideales Interface. Unser Projekt sentres läuft problemlos auf dem iPad Safari Browser, Fingerübungen inklusive. Dies freut uns.

Alm-Kultur kontemporär

Zur Zeit der Romantik entdeckten Bergsteiger, Heimatforscher, Künstler und erholungsbedürftige Großstädter die Alm. Die Alm als Projektion einer heilen Welt. Die Alm als vollkommenes Gegenstück zum bürgerlichen Leben inmitten wachsender Industrialisierung. Und bald schon malten Werbebotschaften ohne Unterlass Klischees in Köpfe. Standardisierte und idealisierte Bilder, die sich gegen jede Art von Veränderung und zeitgemäßer Anpassung sträubten; mit denen auch heute noch geworben wird. Meistens jedenfalls.

Man stelle sich eine Almhütte vor. Bild vor Augen? Gut. Nun streiche man aus eben diesem Bild den blauen Schurz des Hüttenwirts, die traditionellen Speckknödel mit Gulasch, den Bärtigen mit der Ziehharmonika – kurzum alle Klischees. Die so entstandenen Lücken fülle man nun mit einer ordentlichen Portion Kreativität und Avantgarde, einer Prise verspielter Experimentierfreudigkeit und Mut zu Differenzierung. Voilá: die Schwarzbachalm bei Luttach im Ahrntal.

„Man kann auch ohne die ewigen Klischees sein Geld verdienen“, meint Helmuth Fuchs, der Hüttenwirt, und wagt mit seinem „Kulturstadl“ eine poetische, musikalische, kulinarische, doch vor allem eine untypische kulturelle Veranstaltung.

Ich fand mich wieder inmitten der kühnen Ahrntaler Bergriesen. Schon hielt ich das Glas Verduzzo in der Hand, probierte von beinah künstlerisch auf Tellern geschichteten lukullischen Besonderheiten, sog würzige Almluft tief und tiefer in meine Lungen. Ich lauschte den Klängen von Dudelsack und Gitarre, beobachtete das letzte Fleckchen Sonne am Gipfel gegenüber, wie es stetig schrumpfte und schließlich ganz verschwand. Eine überraschend harmonische Kombination. Ungewöhnlich. Gut.

Die Gästegruppe bewegte sich Richtung Stadl. Nicht „Heu-„ sondern „Kulturstadl“ stand da in gusseisernen Lettern an der Bretterwand. Heimelig knarrte der Boden unter meinen Füßen. Pssst, leise, leise. Denn im schummrigen Licht der Kerzen wirkten die bizarren, skurrilen, metallisch schimmernden Skulpturen des Künstlers Ashter Sheran wie lebendig. So, als könnten sie jeden Augenblick aus ihrem Schlaf erwachen, zucken und davonhuschen.

„Prosa“, so begann der Innsbrucker Autor Karl Auer seine Lesung, „Prosa ist eine Idee, die in eine Geschichte gepackt wird.“ Und schon geleitete er die Zuhörer in seine ganz persönliche Welt der Worte; beschenkte sie mit fantastischen Geschichten und profunden Gedankengängen.

Herman Kühebacher, Toni Taschler und Eduardo Rolandelli der Gruppe Titlá spielten Uriges, Inniges, mal ruppig, mal sanft, entlockten ihren Instrumenten irische, jiddische, keltische Klänge und erzählten singend. Sehnsüchtige Lieder. Wohltuende Melancholie.

Das ist zeitgenössische Alm-Kultur; die Almwirtschaft auf ihrem Weg in die Moderne.